Sektion Hildesheim des
Deutschen Alpenvereins (DAV) e.V.

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Berghütten

DAV-Hildesheim

Abruzzen-Durchquerung Mai 2010


Rocca Calascio Burg

Durch Italiens wilde Mitte

Mal was anderes als immer die Alpen. Im letzten Jahr hatte uns Gitta den Mund wäßrig gemacht. Mit Erfolg. Und so ging es im Mai den weiten Weg ins wilde Herz Italiens. War es die Mühe wert? Aber sicher!
Zur Orientierung: die Abruzzen sind die hohen Berge in der Mitte Italiens, etwa auf Höhe Roms. Unsere Tour ging von Nord nach Süd durch zwei Nationalparks, die Monti Sibillini, die Monti della Laga und den Gran Sasso, um dann den Bogen ans Meer zu kriegen. Also anders als viele andere Touren durch dieses Gebiet die Berge entlang, und nicht nur einmal quer rüber. Genau richtig.
Die Gebirgsgruppen stehen relativ einzeln, so daß man unendlich weite Ausblicke hat, bei denen man manchmal auch nur ein, zwei Dörfer sieht.

Blumenübersäte Ebenen in allen Größen, die wie ein See zwischen den Bergen liegen. Wir fahren durch Pferdeherden, über Blumenwiesen, durch mittelalterliche Bergdörfer. Diese sind zum Teil vom Erdbeben schwer gezeichnet, das alte Dorfleben gibt es nicht mehr. Aber wenigstens lebt inzwischen niemand mehr in Zelten. Wir fahren weglos über Wiesen, müssen auf den richtigen Baum zuhalten, um in ein Tal abzubiegen.

Wo der Weg endet und es geradeaus bergab oder durch die Büsche steil bergauf weitergeht ist auf der Kompass-Karte mit dickem Strich ein Radweg eingezeichnet. Oder wir müssen an der richtigen Stelle vom Weg runter, einen steilen Blumenhang hinab, um weiter unten auf den weiterführenden Pfad zu treffen. Die Wirtsleute sind nett und hilfsbereit und mästen uns mit Köstlichkeiten.

Eindrücke wie auf einer Weltreise, die Ebene des Piano Grande mit den umgebenden Wiesenhügeln wirkt wie Tibet, an den Laghi di Pantani stehen Kühe und Pferde im Tümpel, und der schneebedeckte Monte Vettore ragt dahinter empor wie der Kilimanjaro, und die gelben Holzhäuser am weiten Campo Imperatore könnten genausogut auch in Island stehen. Und dazwischen immer wieder Italien.

Am Start habe ich jedoch noch Pech: nach ganzen sieben Kilometern bleibt mein Fahrrad liegen. Das bringt mir einen Tag im Begleitfahrzeug mit Gitta ein, auch nicht so schlecht, wir gucken uns Ruinen bei Fiastra an, und eine Wallfahrtskirche und genießen die Landschaft. Am nächsten Tag bekomme ich das Auto und fahre zum nächstgelegenen Radladen im 70 km entfernten Spoleto, wo mir ein großer Meister in einer dreistündigen Operation das Rad wieder flottmacht. War wohl knifflig. So bin ich zwar um zwei schöne Etappen gekommen, konnte aber immerhin noch fünf mitfahren, und am Abend sogar noch eine kleine Runde durch das Piano Grande drehen.

Castelluccio liegt traumhaft auf einem Hügel über dem Piano Grande, wie auf einer Insel in einem grünen See, dahinter ragt gewaltig der Monte Vettore auf. Wir rasten auf einer steilen Blumenwiese mit weitem Blick auf die Monti della Laga, sehen zwischen Bergen und unberührt scheinenden Wäldern gerade zwei Dörfer liegen, darunter Amatrice, wo wir zu Mittag die dort erfundenen Spaghetti all’Amatriciana probieren. Über einen kaum zu findenden Weg rüber nach Campotosto, ins Hotel am gleichnamigen Stausee. Dann schon ins Gran Sasso-Gebiet, über den Passo Belvedere, der seinem Namen alle Ehre macht, Rast auf Blumenwiesen, unten wartet Gitta mit einem köstlichen Picknick, weiter über namenlose Wiesenhügel, weit unten sieht man L’Aquila. Übernachtung unterhalb des Gran Sasso, das Hotel in einer ehemaligen Seilbahntalstation.

Das Ziel des nächsten Tages ist nicht weit, nämlich die ehemalige Bergstation derselben Seilbahn, aber wir fahren eine weite Schleife über Santo Stefano, ein mittelalterliches Dorf, dem beim Erdbeben der markante Turm eingestürzt ist, über Calascio mit seiner Burg und der oktagonalen Kirche und über den riesigen Campo Imperatore, mit Blick auf den Corno Grande, zum Schluß gegen eisigen Wind an gefrästen Schneewänden kurvig zum historisch interessanten Hotel, immer wieder überholt von historischen Autos.

Dann die Überschreitung des Gran Sasso, morgens steil hoch, über einen Firngrat, vor uns in der Spur welche mit Steigeisen, und wir hinterher mit Fahrrädern. Skifahrer sind auch noch unterwegs. Lange Abfahrt auf Schnee, dort wo er gerade weg ist durch Krokusfelder, und nach dem Mittag erwischt uns schlechtes Wetter. Wo wir eigentlich mit prächtigem Blick zum Meer über Blumenwiesen abfahren sollten schlittern wir im Nebel durch den zum Bach gewordenen Weg.

Am nächsten Tag noch durch Hügellandschaft zum Meer. Beim Eisessen im hübschen Renaissancestädtchen Atri bestaunen Einheimische unsere Räder. Einer erzählt, er war gestern auf Skitour am Gran Sasso, und da hat er Verrückte gesehen, die mit Rädern durch den Schnee gefahren sind. Aber hallo, das waren doch wir! Bald hat uns der Pinienhain von Pineto wieder, und wir hopsen am Sandstrand in die Adria. Gestern noch oben im Schnee, und heute im Meer.

Toll.

Patrick


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